Historische Entwicklung des Geländes

Im Jahr 1763 hatte die Stadtbefestigung von Lippstadt ihren Höhepunkt erreicht. Als eine der mächtigsten Befestigungen zwischen Rhein und Weser erreichte der Festungsring von Lippstadt, mit Stadtmauer, Wällen, Gräben und vorgelagerten Posten eine Breite von bis zu 200m rund um die Stadt. Nach Schleifung dieser Anlagen bot sich für die Stadt erstmals die Möglichkeit zur Erweiterung. Auf den gewonnenen Flächen entstand im Norden der Schifffahrtskanal, die Flächen im Süden wurden vorerst landwirtschaftlich und später für erste industrielle Ansätzen genutzt.

Historische Zeichnung zur Festungsanlage Lippstadt

Festungsanlage im Jahre 1763

Überlagerung historischen Festungsanlage und Luftbild von 2015

Stadtbefestigung

Die Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts ist wie in vielen anderen Städten auch in Lippstadt von einer Zeit der schnellen industriellen Weiterentwicklung gekennzeichnet. Dieser Prozess wurde durch den Bau der Eisenbahn massiv vorangetrieben.

Nach langen und schwierigen Verhandlungen wurde damals der Anschluss Lippstadts an das Mitte des 19. Jahrhunderts entstehende Bahnnetz sichergestellt. Die freiliegenden Flächen der ehemaligen Stadtbefestigung boten sich für die Bahntrassen und den notwendigen baulichen Einrichtungen und Erweiterungsmöglichkeiten geradezu an. Am 04.10.1850 konnte so der erste Zug auf der Strecke zwischen Hamm und Paderborn über Lippstadt fahren. Schnell verlagerte sich dadurch auch der Gütertransport von Straßen und Schifffahrtswegen auf die Bahn. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ein eigener Güterbahnhof auf einer Fläche südlich der Hospitalstraße angelegt. Neben Stellwerken, Lokschuppen, Wasserturm und Dienstgebäuden gehörte auch das Güterbahnhofsgebäude, das um 1910 entstand, zu dieser großflächigen Gesamtanlage.

Der Zeit entsprechend war der historistische Backsteinbau des Güterbahnhofsgebäudes mit roten und gelben Ziegelsteinen, Ziergesimsen und rundbogigen Tor und Fensteröffnungen gestaltet. In den folgenden Jahrzehnten wurden über dieses Frachtzentrum Güter aller Art transportiert.

Nach Aufgabe dieser Funktion im Jahr 1997 und langem Leerstand wurde das Frachtzentrum als letztes Gebäude der ursprünglichen Gesamtanlage des Güterbahnhofs im Jahr 2011 abgerissen.

Luftaufnahmen Güterbahnhof und Umgebung, datiert vor 1939

Luftaufnahmen Güterbahnhof und Umgebung, datiert vor 1939

Luftaufnahmen Güterbahnhof und Umgebung, datiert vor 1939

Luftaufnahmen Güterbahnhof und Umgebung, datiert vor 1939

Nach Bekanntwerden der Aufgabe der Güterbahnhofs-Nutzung begann die Stadt Lippstadt damit, Verhandlungen über die Entwicklung und den Erwerb des Geländes mit der Deutschen Bahn AG zu führen. Im Jahr 2000 wurde erstmals die Idee diskutiert, das Grundstück für die Entwicklung von gewerblichen Flächen zum Bau eines Einkaufscenters zu nutzen. Nach einem umfassenden Verhandlungsprozess zwischen der Stadt Lippstadt, der Deutschen Bahn und Gesprächen mit potentiellen Investoren wurde das Gelände 2009 durch die Stadt Lippstadt erworben. Zielsetzung war es dieses einzige noch zusammenhängende unbebaute Areal in Citynähe in Ergänzung der Altstadt sinnvoll städtebaulich entwickeln zu können und so den ganzen Bereich aufwerten zu können.

Aufgrund von neu geschaffenem Vergaberecht wurde ein europaweites Vergabeverfahren für die Umsetzung der Planungen zur Errichtung eines Einkaufscenters durchgeführt. Auf diese europaweite Ausschreibung im Jahr 2011 bewarben sich 25 Investoren; mit drei Investoren wurde anschließend in das weitere Verfahren gegangen. Nachdem zwei Investoren später ihre Bewerbung zurückzogen, verblieb lediglich die Firma HBB aus Hamburg als verbleibender Interessent.

In den folgenden Jahren fanden intensive Abstimmungen zwischen der Stadt Lippstadt und HBB statt, die darin mündeten, dass HBB im Jahr 2013 ein abschließendes verbindliches Angebot über den Erwerb des Geländes unter Zugrundelegung eines Bau- und Nutzungskonzeptes vorlegte. Im selben Jahr wurde dieses Angebot vom Rat der Stadt Lippstadt aus mehreren städtebaulich motivierten Gründen einstimmig abgelehnt. Insbesondere konnte durch das von HBB vorgelegte Konzept der potentiellen Handelsstandort an der Cappelstraße nicht in der Weise mit der restlichen Innenstadt verbunden werden, dass das Quartier insgesamt aufgewertet worden wäre, und ohne eine Ost-West-Separierung zu schaffen. Mit der Ablehnung dieses Angebots wurden damit alle bis dahin entstandenen Planungen hinsichtlich einer Nutzung des Geländes verworfen.

Luftbildaufnahme Güterbahnhofsgelände 2000

Luftbildaufnahme Güterbahnhofsgelände 2000

Schließlich stand die Stadt Lippstadt hinsichtlich der Nutzung des Güterbahnhofsgeländes mit ihren Planungen wieder ganz am Anfang. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen im Einzelhandel wurde eine Erweiterung der Handelsflächen auf dem Güterbahnhofsgelände mit dem Bau eines Einkaufscenters nicht länger als Nutzungsziel angesehen.

Stattdessen begann die Stadtverwaltung damit, das Areal des ehemaligen Güterbahnhofes für die Lösung eines bereits Jahrzehntelang bestehenden Problems in Visier zu fassen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung Lippstadt können seit Jahren nicht alle im Stadthaus am Ostwall untergebracht werden. Aus diesem Grund gibt es zahlreiche Verwaltungsstandorte, die über das Gebiet der östlichen Kernstadt verteilt sind, woraus sich zahlreiche Defizite hinsichtlich effizienter Verwaltungsarbeit und Bürgerfreundlichkeit ergeben. Aufgrund der zentralen Lage und des Umfangs der zur Verfügung stehenden Flächen eignet sich das Gelände zur Schaffung eines zentralen Stadthauses als Ersatz für die zahlreichen dezentralen städtischen Immobilien. Auch eine im Jahr 2011 eigens für die Planung der zukünftigen Unterbringung der Stadtverwaltung eingerichtete Stadthauskommission hat in einer Standortanalyse ermittelt, dass das Güterbahnhofsgelände als bestgeeignetster Standort für die Umsetzung eines Neubaus des Stadthauses in Frage kommt. Nachdem auch der Rat der Stadt Lippstadt im Mai 2015 in einem Grundsatzbeschluss festgelegt hat, dass das Güterbahnhofsgelände für die Realisierung des Stadthausneubaus als Standort festgelegt wird, werden seither die weiteren Prozesse auf diese Planungen ausgerichtet.

Planzeichnung Variante 1 mit dem Stadthaus West

Variante 1 „Stadthaus West“